Stellen Sie sich vor, Sie nehmen für Ihr Unternehmen einen Kredit auf. Aber anstatt ihn ordentlich zu verbuchen, verstecken Sie die Unterlagen in einer Schublade. Das Geld hilft Ihnen kurzfristig, aber die Schulden wachsen im Verborgenen – samt Zinsen. Eines Tages, wenn Sie es am wenigsten erwarten, klopft die Bank an und präsentiert eine Rechnung, die Ihr Unternehmen in die Knie zwingen kann.

Genau das passiert jeden Tag in unzähligen ERP-Systemen. Der Begriff dafür ist Technical Debt – technische Schulden. Es ist eine der heimtückischsten und am meisten unterschätzten Gefahren für die Zukunftsfähigkeit von KMU. Technical Debt ist unsichtbar, sie taucht in keiner Bilanz auf, aber ihre Zinsen sind brutal: Innovationsstau, explodierende Kosten und am Ende ein System, das so starr ist, dass es jede Veränderung im Keim erstickt.

Als Praktiker, die oft gerufen werden, wenn es schon fast zu spät ist, wollen wir diese unsichtbare Zeitbombe ans Licht bringen. Dieser Beitrag erklärt, was Technical Debt in Ihrem ERP bedeutet, wie sie entsteht und wie Sie sie entschärfen, bevor sie detoniert.

Was genau sind “technische Schulden”?

Der Begriff “Technical Debt” wurde vom Software-Entwickler Ward Cunningham geprägt. Er beschreibt die impliziten Kosten, die durch eine schnelle, aber unsaubere oder suboptimale technische Lösung entstehen. Jedes Mal, wenn Sie oder Ihr IT-Partner sagen:

  • “Das machen wir schnell mit einem Workaround, für eine saubere Lösung haben wir keine Zeit.”
  • “Wir biegen das System mit etwas Custom-Code hin, anstatt den Prozess anzupassen.”
  • “Dieses Update überspringen wir, das System läuft ja noch.”

…nehmen Sie einen Kredit an technischen Schulden auf. Sie tauschen einen kurzfristigen Vorteil (Zeit oder Geld) gegen einen langfristigen Nachteil (Komplexität, Instabilität, Wartungsaufwand).

Die Zinslast: Wie Technical Debt Ihr Unternehmen lähmt

Anfangs spüren Sie die Schulden kaum. Das System läuft. Doch mit jeder weiteren Abkürzung und jeder neuen unsauberen Anpassung steigen die Zinsen. Diese Zinsen zahlen Sie nicht in Franken, sondern in Form von:

ZinsartKonkrete Auswirkung in Ihrem Unternehmen
Verlust der AgilitätEine simple Preisanpassung dauert Wochen, weil sie an 10 verschiedenen Stellen im Code geändert werden muss. Die Anbindung eines neuen Webshops wird zum Jahresprojekt.
Explodierende WartungskostenIhr IT-Partner braucht für jede kleine Änderung doppelt so lange, weil er sich erst durch ein Wirrwarr aus altem Code kämpfen muss. Niemand versteht mehr, warum bestimmte Dinge so gebaut wurden, wie sie sind.
InnovationsstauSie können keine modernen Technologien wie KI oder mobile Apps nutzen, weil Ihr altes System keine sauberen Schnittstellen bietet. Die Konkurrenz zieht an Ihnen vorbei.
SicherheitsrisikenVeraltete Systemkomponenten werden nicht mehr mit Sicherheitsupdates versorgt. Ihr ERP wird zum offenen Scheunentor für Hacker.
Mitarbeiter-FrustrationNiemand will mehr mit dem alten, langsamen und fehleranfälligen System arbeiten. Ihre besten Mitarbeiter kündigen, weil sie sich ständig mit Workarounds herumschlagen müssen.

Irgendwann ist der Schuldenberg so hoch, dass das System de facto “unveränderbar” wird. Jede Änderung birgt das unkalkulierbare Risiko, dass an anderer Stelle etwas zusammenbricht. Der letzte Ausweg ist dann oft nur noch ein kompletter, extrem teurer und riskanter Neustart – die Autopsie des Altsystems.

Die Hauptursachen für technische Schulden im ERP

Technische Schulden entstehen nicht aus böser Absicht, sondern oft aus einer Kombination von Zeitdruck, Budget-Beschränkungen und mangelndem strategischem Weitblick.

  • Übermässiges Customizing: Die häufigste Ursache. Anstatt Prozesse an den bewährten Standard der Software anzupassen, wird die Software mit unzähligen Sonderlocken an alte Prozesse angepasst. Jede dieser Anpassungen ist ein Kredit.
  • Aufgeschobene Updates: Jedes ausgelassene Update (Release-Wechsel) vergrössert den Abstand zum aktuellen Technologiestand. Der Sprung auf eine neue Version wird von Jahr zu Jahr grösser, teurer und riskanter.
  • Fehlende Dokumentation: Anpassungen werden gemacht, aber nicht sauber dokumentiert. Nach ein paar Jahren (und vielleicht einem Personalwechsel) weiss niemand mehr, warum eine bestimmte Funktion so seltsam funktioniert.
  • Mangelndes Know-how: Der damalige IT-Partner hatte vielleicht nicht das nötige Wissen, um eine saubere, zukunftssichere Lösung zu bauen, und hat stattdessen eine schnelle “Bastel-Lösung” gewählt.

Schuldenabbau: Wie Sie die Zeitbombe entschärfen

Der Umgang mit technischen Schulden ist wie der Umgang mit Finanzschulden. Man braucht eine Strategie, Disziplin und die Bereitschaft zu investieren.

  • Schulden-Audit durchführen: Machen Sie eine ehrliche Bestandsaufnahme. Lassen Sie einen externen, unabhängigen Partner Ihre Systemarchitektur analysieren. Wo lauern die grössten Schulden? Welche Anpassungen sind schlecht dokumentiert? Welche Komponenten sind veraltet?
  • “Refactoring” einplanen: Planen Sie regelmässig Zeit und Budget ein, um alte, unsaubere Anpassungen zu überarbeiten und durch saubere, standardnahe Lösungen zu ersetzen (“Refactoring”). Das ist wie eine Sondertilgung Ihres Kredits.
  • Update-Strategie definieren: Bleiben Sie technologisch am Ball. Führen Sie Updates regelmässig durch. Moderne Cloud-ERP-Systeme wie Dynamics 365 nehmen Ihnen diese Last durch automatische, kontinuierliche Updates grösstenteils ab.
  • “Standard first”-Kultur etablieren: Etablieren Sie das Prinzip, dass jede Abweichung vom Standard eine sehr gute Begründung und eine Freigabe durch die Geschäftsleitung braucht. Hinterfragen Sie den Wunsch nach Sonderlocken konsequent. Oft ist eine kleine Prozessanpassung die bessere Lösung als eine teure technische Schuld.

Fazit: Investieren Sie in eine schuldenfreie Zukunft

Technical Debt ist eine schleichende Krankheit, die die Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens untergräbt. Sie zu ignorieren, ist keine Option. Die Zinsen werden irgendwann fällig – und sie sind immer höher als die ursprüngliche Investition in eine saubere Lösung.

Ein moderner ERP-Ansatz, wie wir ihn bei redPoint mit Microsoft Dynamics 365 Business Central verfolgen, ist von Grund auf darauf ausgelegt, technische Schulden zu minimieren: durch den Fokus auf Standardprozesse, eine saubere Architektur und kontinuierliche Updates aus der Cloud.

Sprechen Sie mit uns, auch wenn Sie noch kein neues System planen. Ein ehrlicher Blick auf Ihre bestehende Systemlandschaft und eine Bewertung Ihrer technischen Schulden kann eine der wertvollsten Investitionen sein, die Sie tätigen. Damit Ihre IT nicht zur Belastung, sondern zum Motor Ihrer Zukunft wird.

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Autor Head Marketing, Business Development & Innovation bei redPoint AG

Michael Bechen

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