
Es ist das heilige Dokument jedes klassischen ERP-Projekts: das Pflichtenheft. Ein oft hunderte Seiten starkes Werk, in dem jede Abteilung akribisch jede gewünschte Funktion, jeden Knopf und jedes Feld auflistet. Das Ziel: absolute Vollständigkeit. Die Hoffnung: Wenn wir nur alles ganz genau aufschreiben, kann nichts schiefgehen. Die Realität: Genau dieses Vorgehen ist eine der Hauptursachen für gescheiterte ERP-Projekte.
Das klassische Pflichtenheft ist ein Relikt aus einer Zeit, in der Software in Stein gemeisselt wurde. In der heutigen, dynamischen Welt ist es ein starres Korsett, das Innovation erstickt, Kosten in die Höhe treibt und am eigentlichen Ziel vorbeischiesst. Es ist Zeit für ein Update: das Pflichtenheft 2.0.
Dieser Beitrag zeigt, warum der Fokus auf Features der falsche Weg ist und wie Sie mit modernen, prozessorientierten Methoden Anforderungen definieren, die Ihr Projekt wirklich erfolgreich machen.
Ein traditionelles Pflichtenheft ist oft eine lange Liste von “Das System muss können…”-Sätzen. Es beschreibt das “Was”, aber selten das “Warum”. Darin liegen seine drei grössten Sünden:
Ein modernes Anforderungsmanagement ersetzt die starre Feature-Liste durch flexible, verständliche User Stories. Eine User Story ist eine einfache, aber mächtige Methode, um eine Anforderung aus der Sicht des Anwenders zu beschreiben. Sie folgt immer demselben Format:
Als <Rolle> möchte ich <Ziel/Wunsch>, um <Nutzen/Mehrwert> zu erreichen.
Vergleichen wir die beiden Ansätze an einem konkreten Beispiel:
| Klassisches Pflichtenheft (Feature-Fokus) | Pflichtenheft 2.0 (User-Story-Fokus) |
| “Das System muss einen Button auf dem Kunden-Dashboard haben, der einen PDF-Report mit den Umsätzen der letzten 12 Monate generiert.” | “Als <Vertriebsleiter> möchte ich <mit einem Klick die Umsatzentwicklung eines Kunden sehen>, um <mich optimal auf das Jahresgespräch vorbereiten zu können>.” |
Sehen Sie den Unterschied? Die klassische Anforderung definiert eine sehr spezifische technische Lösung (Button, PDF). Die User Story hingegen beschreibt das Bedürfnis des Anwenders und den geschäftlichen Nutzen.
Die Vorteile dieses Ansatzes sind enorm:
Das zweite Element des Pflichtenhefts 2.0 ist der konsequente Fokus auf End-to-End-Prozesse anstelle von isolierten Abteilungs-Anforderungen. Anstatt jede Abteilung ihre eigene Wunschliste schreiben zu lassen, folgen Sie dem Weg eines Auftrags durch das gesamte Unternehmen.
Stellen Sie sich folgende Fragen:
Wenn Sie Ihre Anforderungen entlang dieser Wertschöpfungsketten dokumentieren, erkennen Sie die wahren Schwachstellen und Optimierungspotenziale. Sie brechen die Silos zwischen den Abteilungen auf und gestalten durchgängige, effiziente Prozesse. Das ist der Kern einer erfolgreichen digitalen Transformation – nicht die Erfüllung von Einzelfunktionen.
Das nächste Mal, wenn ein Mitarbeiter sagt “Ich brauche einen Knopf für…”, halten Sie inne. Fragen Sie ihn: “Was genau möchten Sie damit erreichen? Welches Problem würde das für Sie lösen?”
Verabschieden Sie sich von der Idee, eine perfekte, vollständige Liste aller Features erstellen zu können. Konzentrieren Sie sich stattdessen darauf, die Bedürfnisse Ihrer Anwender und die Schwachstellen Ihrer Prozesse zu verstehen.
Ein modernes Pflichtenheft ist kein starres Gesetzbuch, sondern eine lebendige Sammlung von User Stories und Prozess-Diagrammen. Es ist die Grundlage für ein partnerschaftliches Gespräch mit Ihrem ERP-Anbieter, bei dem gemeinsam die beste Lösung für Ihr Unternehmen gefunden wird.
Wir bei redPoint lieben Kunden, die uns mit User Stories und Prozess-Fragen herausfordern. Denn das zeigt uns, dass sie verstanden haben, worum es wirklich geht: nicht um Software, sondern um die Verbesserung ihres Geschäfts.

Stehen Sie am Anfang eines ERP Projekts oder sind Sie dabei, eine neue ERP-Lösung für Ihr KMU zu evaluieren?
Dann ist diese Checkliste das Richtige für Sie.
