
In der Schweiz stehen in den kommenden Jahren Tausende von KMU vor einer Herausforderung, die in vielen Strategiemeetings erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhält. Die Rede ist nicht von künstlicher Intelligenz, geopolitischen Risiken oder steigenden Energiekosten. Die Rede ist von Menschen.
Genauer gesagt: von Menschen, die seit zwanzig oder dreissig Jahren in einem Unternehmen arbeiten und irgendwann in Pension gehen.
Auf den ersten Blick scheint das ein normaler Vorgang zu sein. Menschen kommen, Menschen gehen. Das gehört zum Wirtschaftsleben. Doch in vielen Unternehmen verlässt mit einer Person weit mehr als nur eine Arbeitskraft die Organisation. Oft verschwindet gleichzeitig ein enormes Reservoir an Erfahrung, Wissen und Verständnis für Zusammenhänge, das über Jahrzehnte gewachsen ist.
Ich erlebe regelmässig Situationen, in denen ein Mitarbeiter kurz vor der Pensionierung steht und plötzlich allen bewusst wird, wie wichtig diese Person tatsächlich für das Unternehmen ist. Da gibt es den langjährigen Produktionsleiter, der jede Maschine besser kennt als jede Dokumentation. Da gibt es die Sachbearbeiterin, die genau weiss, welche Kunden besondere Anforderungen haben. Oder den Verkaufsspezialisten, der seit Jahren die entscheidenden Beziehungen pflegt und intuitiv erkennt, wann sich bei einem Kunden etwas verändert.
Solange diese Menschen im Unternehmen sind, wirkt ihr Wissen selbstverständlich. Erst wenn der Abschied näher rückt, wird sichtbar, wie viel davon nie dokumentiert wurde.
Viele Unternehmen verwechseln Erfahrung mit Verfügbarkeit. Nur weil Wissen vorhanden ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es für die Organisation verfügbar ist. Wissen, das ausschliesslich in den Köpfen einzelner Personen existiert, gehört faktisch nicht dem Unternehmen. Es ist geliehenes Wissen. Und irgendwann wird es mitgenommen.
Das Problem verschärft sich zusätzlich durch den demografischen Wandel. Die Generation der Babyboomer verabschiedet sich schrittweise aus dem Berufsleben. Gleichzeitig wird es schwieriger, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Unternehmen können nicht mehr davon ausgehen, dass sich jede Stelle problemlos neu besetzen lässt. Umso wichtiger wird die Frage, wie das vorhandene Wissen gesichert werden kann.
Interessanterweise suchen viele Firmen die Lösung zunächst in Technologie. Dokumentenmanagementsysteme werden eingeführt, Wissensdatenbanken aufgebaut und Prozesse digitalisiert. Das ist sinnvoll. Aber Technologie allein löst das Problem nicht.
Wissen entsteht nicht in Software. Wissen entsteht zwischen Menschen.
Deshalb beginnt Wissenssicherung nicht mit einer Plattform, sondern mit einer Kultur. Mitarbeitende müssen bereit sein, ihr Wissen weiterzugeben. Führungskräfte müssen Zeit dafür einplanen. Teams müssen den Austausch fördern, bevor es zu spät ist.
Dabei fällt mir eine Beobachtung immer wieder auf. Die Unternehmen, die diesen Übergang erfolgreich meistern, sprechen frühzeitig darüber. Sie warten nicht bis sechs Monate vor der Pensionierung. Sie beginnen Jahre vorher damit, Erfahrungen weiterzugeben, Verantwortlichkeiten zu verteilen und kritisches Wissen sichtbar zu machen.
Die Unternehmen, die scheitern, reagieren dagegen häufig erst dann, wenn das Problem akut wird. Dann soll in wenigen Wochen dokumentiert werden, was über Jahrzehnte gewachsen ist. Das gelingt selten.
Vielleicht müssen wir deshalb aufhören, Wissen als Nebenprodukt zu betrachten. Wissen ist kein Abfallprodukt erfolgreicher Arbeit. Es ist einer der wertvollsten Vermögenswerte eines Unternehmens.
Und wie bei jedem Vermögenswert stellt sich irgendwann die gleiche Frage: Schützen wir ihn ausreichend?
Die Nachfolgefrage beginnt nicht bei der Geschäftsleitung. Sie beginnt bei jedem Mitarbeitenden, dessen Erfahrung heute erfolgskritisch ist. Wer dieses Thema frühzeitig angeht, schafft Stabilität für die Zukunft. Wer es ignoriert, riskiert, dass mit der Pensionierung einzelner Personen plötzlich ein Teil des Unternehmens verschwindet.

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