In mehr als 25 Jahren ERP-Projekten und Kundenbetreuung habe ich viele Systeme kennengelernt, die zuverlässig ihren Dienst tun. Manche davon seit sehr langer Zeit. Das ist zunächst etwas Positives. Ein ERP soll stabil laufen und den Mitarbeitenden Sicherheit geben. 

Langjährige Stabilität hat jedoch eine Nebenwirkung: Abläufe werden zur Gewohnheit. Provisorien werden zum Standard. Wissen sammelt sich bei einzelnen Personen. Und irgendwann wird nicht mehr gefragt, ob ein Prozess noch sinnvoll ist, sondern nur noch, ob er weiterhin funktioniert. 

Die ersten Hinweise darauf finde ich selten in einem technischen Bericht. Meistens höre ich sie in einem Gespräch. Es sind Sätze, die vernünftig und harmlos klingen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören. 

«Das System läuft doch noch.» 

Dieser Satz stimmt häufig. Die Frage ist nur, was mit «laufen» gemeint ist. 

Kann das Unternehmen Aufträge erfassen, Rechnungen schreiben und Zahlungen verbuchen, läuft das System technisch. Das sagt aber noch wenig darüber aus, wie gut es das Geschäft unterstützt. Vielleicht werden Daten mehrfach erfasst. Vielleicht warten Mitarbeitende auf Auswertungen. Vielleicht lassen sich neue Anforderungen nur noch mit Umwegen abbilden. 

Ein ERP kann technisch stabil und betrieblich trotzdem zu langsam geworden sein. Deshalb frage ich nach: Wie viel Arbeit findet inzwischen ausserhalb des Systems statt? Welche Aufgaben dauern heute länger als früher? Und welche Anforderungen werden gar nicht mehr gestellt, weil man davon ausgeht, dass das System sie ohnehin nicht erfüllen kann? 

«Diese Auswertung macht nur Frau Müller.» 

Hinter diesem Satz steckt oft viel Anerkennung. Frau Müller kennt die Daten, versteht die Zusammenhänge und liefert zuverlässig die benötigten Zahlen. Für das Unternehmen ist das wertvoll. 

Gleichzeitig entsteht ein Risiko, wenn eine zentrale Auswertung nur von einer Person erstellt, geprüft oder erklärt werden kann. Ferien, ein Stellenwechsel oder eine längere Abwesenheit reichen aus, damit wichtige Informationen fehlen. Noch kritischer wird es, wenn niemand genau weiss, aus welchen Quellen die Zahlen stammen und welche manuellen Korrekturen darin enthalten sind. 

Die Lösung besteht nicht darin, Erfahrung geringzuschätzen. Im Gegenteil: Das Wissen von Frau Müller sollte so wichtig genommen werden, dass es im Prozess und im System verankert wird. Gute ERP-Nutzung macht Fachwissen verfügbar, nachvollziehbar und übertragbar. 

«Das lösen wir schnell in Excel.» 

Excel ist ein ausgezeichnetes Werkzeug. Ich nutze es selbst und halte wenig davon, jede Tabelle grundsätzlich zum Problem zu erklären. 

Hellhörig werde ich, wenn Excel nicht mehr ergänzt, sondern dauerhaft überbrückt. Wenn dieselben Daten regelmässig exportiert, bearbeitet und wieder zurückübertragen werden. Wenn mehrere Versionen einer Datei kursieren. Oder wenn eine Tabelle faktisch einen geschäftskritischen Prozess steuert, für den es keine klaren Kontrollen gibt. 

Dann ist die eigentliche Frage nicht Excel oder ERP. Die Frage lautet: Wo befindet sich die verlässliche Wahrheit? Wenn Auftragsstatus, Liquiditätsplanung oder Lagerbestand je nach Datei unterschiedlich aussehen, wird aus einer pragmatischen Lösung ein Führungsrisiko. 

«Für ein Update haben wir gerade keine Zeit.» 

Das kann für einen einzelnen Termin ein guter Grund sein. In einem Jahresabschluss, während einer Hochsaison oder mitten in einem grossen Kundenprojekt ist ein Update möglicherweise tatsächlich ungünstig. 

Problematisch wird der Satz, wenn er über Jahre wiederholt wird. Aus einem verschobenen Update entsteht eine Lücke. Aus mehreren Lücken wird ein eigenes Projekt. Anpassungen müssen aufwendiger geprüft, Schnittstellen neu beurteilt und Wissen über alte Versionen wieder beschafft werden. 

Zeit, die heute nicht eingeplant wird, verschwindet nicht. Sie kommt später zurück, meistens in grösseren Blöcken und mit weniger Wahlfreiheit. Eine realistische Planung schafft hier Ruhe. Sie berücksichtigt betriebliche Spitzen und sorgt trotzdem dafür, dass die technische und funktionale Entwicklung nicht stehen bleibt. 

«An dieser Anpassung dürfen wir nichts verändern.» 

Dieser Satz verweist häufig auf eine alte Erfahrung. Vielleicht ist bei einer früheren Änderung etwas schiefgegangen. Vielleicht hat die Anpassung einmal ein wichtiges Problem gelöst. Vielleicht kennt heute niemand mehr ihre gesamte Wirkung. 

Gerade dann sollte man sie prüfen. 

Eine Anpassung ist nicht automatisch schlecht, nur weil sie individuell ist. Viele kundenspezifische Lösungen bilden einen echten Wettbewerbsvorteil ab. Kritisch wird es, wenn ihr Zweck nicht mehr klar ist, die Dokumentation fehlt oder alle Beteiligten Veränderungen aus Angst vermeiden. 

Ich stelle in solchen Situationen drei Fragen: Welches geschäftliche Problem löst die Anpassung heute? Wer nutzt sie tatsächlich? Und wie würde man dieselbe Anforderung mit dem heutigen Standard abbilden? Erst danach sollte entschieden werden, ob sie bleibt, vereinfacht oder mit dem neuen Standard ersetzt wird. 

Vertraute Sätze sind ein Anlass für gute Fragen 

Keiner dieser fünf Sätze beweist, dass ein ERP erneuert werden muss. Und nicht jede gewachsene Arbeitsweise ist falsch. Langjährige Prozesse enthalten viel Erfahrung. Sie verdienen Respekt, aber keinen automatischen Bestandsschutz. 

Meine Aufgabe als ERP-Berater besteht deshalb nicht darin, bei jedem alten Ablauf sofort eine neue Lösung zu verkaufen. Ich möchte verstehen, warum etwas so geworden ist, wie es heute ist. Danach lässt sich gemeinsam beurteilen, was weiterhin trägt und was das Unternehmen inzwischen bremst. 

Ein ERP muss nicht ständig verändert werden. Es sollte aber regelmässig hinterfragt werden dürfen. Oft beginnt eine sinnvolle Verbesserung genau dort, wo ein vertrauter Satz zum ersten Mal mit einer ehrlichen zweiten Frage beantwortet wird. 

Fazit: Hören Sie auf die Sprache in Ihrem Unternehmen 

ERP-Risiken zeigen sich nicht nur in Fehlerprotokollen, Versionsständen oder Supportmeldungen. Sie zeigen sich auch in der Sprache des Alltags. 

Wenn Wissen an einer Person hängt, Excel zum dauerhaften Nebensystem wird, Updates immer ungelegen kommen oder niemand eine alte Anpassung anzufassen wagt, lohnt sich eine gemeinsame Bestandsaufnahme. Nicht, um sofort ein Grossprojekt zu starten. Sondern um wieder zu wissen, wo das Unternehmen steht und welche nächsten Schritte sinnvoll sind. 

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Portrait Stefan Marti
Autor Leiter Bestandeskunden und Mitglied der GL bei redPoint AG

Stefan Marti

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