Cloud oder eigener Server? Internationaler Plattformanbieter oder Schweizer Lösung? Standardsoftware oder individuelle Entwicklung?

Die Diskussion über digitale Souveränität wird oft auf einfache Gegensätze reduziert. Besonders häufig steht der Standort der Daten im Mittelpunkt. Das ist verständlich, greift aber zu kurz.

Ein Server in der Schweiz macht ein Unternehmen nicht automatisch souverän. Umgekehrt bedeutet die Nutzung einer internationalen Cloud nicht automatisch, dass ein Unternehmen die Kontrolle über seine Daten verliert.

Digitale Souveränität zeigt sich nicht in einem einzelnen technischen Merkmal. Sie zeigt sich darin, ob ein Unternehmen seine Abhängigkeiten kennt, seine Risiken aktiv steuert und auch bei einer Störung oder einem Anbieterwechsel handlungsfähig bleibt.

Souveränität beginnt mit Transparenz

Jedes ERP schafft Abhängigkeiten. Das gilt für Cloud-Lösungen genauso wie für lokal betriebene Systeme.

Bei einer Cloud-Lösung besteht eine Abhängigkeit vom Plattformanbieter, vom ERP-Partner und möglicherweise von zusätzlichen Apps. Bei einer On-Premises-Lösung hängt der Betrieb von eigener Hardware, internen Fachpersonen, externen IT-Dienstleistern und regelmässigen Sicherheitsupdates ab.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Abhängigkeiten bestehen. Entscheidend ist, ob sie bekannt, bewertet und beherrschbar sind.

Ein Unternehmen handelt souverän, wenn es weiss, wo seine Daten liegen, wer darauf zugreifen kann, wie der Betrieb geschützt ist und wie es seine Informationen bei Bedarf zurückerhält.

Sieben Fragen an Ihren ERP-Anbieter

Die erste Frage betrifft den Speicherort. Wo befinden sich die produktiven Daten, wo die Backups und welche vertraglichen Regelungen gelten dafür? Ein klarer Datenstandort ist wichtig, reicht allein aber nicht aus.

Die zweite Frage betrifft den Zugriff. Wer kann administrative Berechtigungen erhalten, wie werden solche Zugriffe protokolliert und wie wird verhindert, dass einzelne Personen zu viele Rechte besitzen?

Drittens muss geklärt sein, wie das Unternehmen seine Daten zurückerhält. Ein Datenexport ist nur dann wertvoll, wenn Format, Vollständigkeit und Aufwand bekannt sind. Eine theoretische Exportmöglichkeit hilft wenig, wenn die Daten später kaum nutzbar sind.

Die vierte Frage betrifft Backups und Wiederherstellung. Es genügt nicht, dass Sicherungen vorhanden sind. Entscheidend ist, wie schnell ein System wieder verfügbar wäre und ob die Wiederherstellung regelmässig geprüft wird.

Fünftens sollten Unternehmen ihre Apps und Schnittstellen kennen. Welche Prozesse hängen von Erweiterungen ab? Wer wartet diese Komponenten? Und was geschieht, wenn ein Hersteller eine Lösung nicht mehr weiterentwickelt?

Die sechste Frage lautet: Wie bleibt das Unternehmen bei einem Ausfall arbeitsfähig? Dafür braucht es klare Verantwortlichkeiten, Kommunikationswege und definierte Notverfahren.

Die siebte Frage betrifft den möglichen Ausstieg. Wie aufwendig wäre ein Wechsel des Partners oder der Plattform? Welche Vertragsfristen gelten? Wer besitzt kundenspezifische Entwicklungen und Dokumentationen?

Der eigene Server ist keine automatische Sicherheitsgarantie

Viele Unternehmen verbinden lokale Infrastruktur mit Kontrolle. Physische Nähe vermittelt Sicherheit. Sie sagt jedoch wenig über den tatsächlichen Schutz aus.

Ein Server im eigenen Gebäude muss gewartet, überwacht und regelmässig aktualisiert werden. Backups müssen nicht nur erstellt, sondern auch getestet werden. Zugriffe müssen kontrolliert und Sicherheitsvorfälle erkannt werden. Zudem braucht es Fachwissen, das bei Ferien, Krankheit oder Personalwechsel verfügbar bleibt.

Gerade bei kleineren IT-Teams kann diese Abhängigkeit von einzelnen Personen erheblich sein. Ein veraltetes System im eigenen Keller ist nicht souveräner als eine professionell betriebene Cloud. Es ist lediglich näher.

Auch eine Cloud-Strategie braucht einen Plan B

Die Vorteile einer Cloud-Plattform liegen auf der Hand: laufende Updates, skalierbare Infrastruktur, standardisierte Sicherheitsmechanismen und ein planbarer Betrieb. Trotzdem darf ein Unternehmen die Verantwortung nicht vollständig an den Anbieter delegieren.

Zugriffsrechte, Datenklassifizierung, interne Prozesse und die korrekte Nutzung bleiben Aufgabe des Unternehmens. Ebenso notwendig sind dokumentierte Abhängigkeiten und ein realistisches Exit-Szenario.

Ein Plan B bedeutet nicht, dass ein Wechsel unmittelbar vorgesehen ist. Er sorgt dafür, dass die Geschäftsleitung ihre Optionen kennt und im Ernstfall nicht bei null beginnen muss.

Digitale Souveränität ist eine Managementaufgabe

Die Geschäftsleitung muss nicht jedes technische Detail beurteilen. Sie muss jedoch sicherstellen, dass die richtigen Fragen gestellt und verständlich beantwortet werden.

Dazu gehören eine aktuelle Übersicht der zentralen Systeme, klare Verantwortlichkeiten, dokumentierte Wiederherstellungsprozesse und eine regelmässige Bewertung der wichtigsten Anbieterabhängigkeiten.

Digitale Souveränität ist damit kein einmaliges IT-Projekt. Sie ist Teil des unternehmerischen Risikomanagements.

Fazit

Die Frage «Cloud oder Schweiz?» führt zu kurz. Ein Datenstandort kann ein wichtiges Entscheidungskriterium sein, ersetzt aber keine umfassende Betrachtung.

Souverän ist ein Unternehmen dann, wenn es seine Daten, Berechtigungen, Verträge, Backups und Abhängigkeiten im Griff hat. Nicht die vollständige Unabhängigkeit ist das realistische Ziel, sondern die bewusste und kontrollierte Abhängigkeit.

Wer diese Grundlagen schafft, kann eine Cloud-ERP-Lösung nutzen, ohne die unternehmerische Kontrolle abzugeben.

Wie souverän ist Ihre ERP-Landschaft?

Wir helfen Ihnen, Abhängigkeiten und Risiken realistisch einzuordnen und eine tragfähige ERP-Strategie für Ihr Unternehmen zu entwickeln.

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Autor Berater Cloud ERP bei redPoint AG

Matthias Notter

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