Viele Schweizer KMU haben ihre Stärke nicht aus perfekten Prozessen gewonnen. Sie wurden stark, weil sie pragmatisch waren. Ein Kunde brauchte eine Sonderlösung. Ein Lieferant verlangte eine Ausnahme. Eine erfahrene Mitarbeiterin kannte den kürzesten Weg. Ein Excel half dort, wo das System zu langsam war.

Das ist nicht falsch. Es ist oft der Grund, warum KMU schnell, nahbar und kundenorientiert bleiben. Gefährlich wird es erst, wenn niemand mehr unterscheiden kann, welche Ausnahme geschäftlich wertvoll ist und welche nur noch Gewohnheit kostet.

Genau dort beginnt ein ERP-Projekt. Nicht bei der Software. Sondern bei der Frage: Welche Ausnahmen wollen Sie bewusst behalten und welche belasten Ihr Unternehmen still jeden Tag?

Ein ERP räumt nicht auf, wenn vorher niemand hinschaut

Vor einer Einführung wird gerne gefragt, ob ein ERP bestehende Abläufe abbilden kann. Die ehrlichere Frage lautet: Soll es diese Abläufe überhaupt abbilden?

Denn viele Abläufe sind nicht geplant entstanden. Sie sind gewachsen. Ein Sonderpreis hier. Eine manuelle Freigabe dort. Eine Liste ausserhalb des Systems. Eine Kundenvereinbarung, die nur zwei Personen kennen. Jede einzelne Ausnahme lässt sich erklären. Zusammen werden sie schwer steuerbar.

Die FHNW-Studie zur digitalen Transformation von KMU beschreibt Digitalisierung bei KMU als Veränderung, die Geschäftsmodell, Zusammenarbeit und Prozesse betrifft. Sie nennt zudem einen hohen Zeitaufwand und fehlendes Wissen als wichtige Hindernisse. Das passt zur ERP-Praxis: Der Aufwand entsteht selten nur durch Technik. Er entsteht dort, wo ein Unternehmen seine stillen Regeln sichtbar machen muss.

Nicht jede Ausnahme ist schlecht

Ich bin vorsichtig mit pauschalen Empfehlungen. Standardisierung klingt gut, kann aber zu weit gehen. Ein KMU darf nicht alles glätten, was es besonders macht. Kundennähe, kurze Wege und gesunder Pragmatismus sind echte Stärken.

Aber eine Ausnahme muss einen Zweck haben. Wenn sie Umsatz schützt, Marge verbessert oder einen wichtigen Kunden hält, kann sie sinnvoll sein. Wenn sie nur existiert, weil früher niemand entschieden hat, wird sie teuer.

Art der AusnahmeWann sie sinnvoll sein kannWann sie kritisch wird
SonderpreisWenn er strategisch begründet und überprüfbar ist.Wenn niemand die Marge kennt.
Manueller SchrittWenn er ein bewusstes Risiko absichert.Wenn er nur Misstrauen oder alte Gewohnheiten abbildet.
Individuelle KundenregelWenn sie einen klaren Wertbeitrag leistet.Wenn sie nur im Kopf einzelner Personen existiert.
Excel neben dem ERPWenn es eine begrenzte Übergangslösung ist.Wenn es zur eigentlichen Wahrheit wird.

Die Aufgabe der Geschäftsleitung ist deshalb nicht, jede Ausnahme zu verbieten. Sie muss entscheiden, welche Ausnahme Teil des Geschäftsmodells ist und welche nur Komplexität erzeugt.

Die Kosten der stillen Ausnahmen sieht man spät

Stille Ausnahmen belasten ein Unternehmen selten sofort. Genau deshalb bleiben sie lange bestehen. Sie zeigen sich erst, wenn Volumen steigt, Schlüsselpersonen ausfallen, Preise angepasst werden müssen oder ein neues ERP eingeführt wird.

Dann wird sichtbar, was vorher verdeckt war: Daten passen nicht zusammen. Abteilungen verstehen denselben Begriff unterschiedlich. Reports brauchen Nacharbeit. Neue Mitarbeitende lernen nicht den Prozess, sondern die Umwege. Führung erhält Zahlen, aber wenig Sicherheit.

Die Studie «Digitalisierung – wo stehen Schweizer KMU?» von PwC Schweiz, Google Switzerland und digitalswitzerland hält fest, dass Digitalisierung auf die Agenda der Führung gehört und nicht als isoliertes IT-Thema behandelt werden sollte. Für ERP bedeutet das: Wenn Ausnahmen Kosten, Risiken und Zusammenarbeit beeinflussen, kann ihre Klärung nicht allein an die IT delegiert werden.

Die Kosten der stillen Ausnahmen sieht man spät

Stille Ausnahmen belasten ein Unternehmen selten sofort. Genau deshalb bleiben sie lange bestehen. Sie zeigen sich erst, wenn Volumen steigt, Schlüsselpersonen ausfallen, Preise angepasst werden müssen oder ein neues ERP eingeführt wird.

Dann wird sichtbar, was vorher verdeckt war: Daten passen nicht zusammen. Abteilungen verstehen denselben Begriff unterschiedlich. Reports brauchen Nacharbeit. Neue Mitarbeitende lernen nicht den Prozess, sondern die Umwege. Führung erhält Zahlen, aber wenig Sicherheit.

Die Studie «Digitalisierung – wo stehen Schweizer KMU?» von PwC Schweiz, Google Switzerland und digitalswitzerland hält fest, dass Digitalisierung auf die Agenda der Führung gehört und nicht als isoliertes IT-Thema behandelt werden sollte. Für ERP bedeutet das: Wenn Ausnahmen Kosten, Risiken und Zusammenarbeit beeinflussen, kann ihre Klärung nicht allein an die IT delegiert werden.

Drei Führungsfragen vor dem ERP-Projekt

Bevor ein KMU Anforderungen sammelt, sollte die Geschäftsleitung drei Fragen beantworten. Nicht in technischer Sprache. Nicht in langen Listen. Sondern als Führungsentscheid.

Erstens: Welche Ausnahmen verdienen Schutz? Das sind die Regeln, die Kundenwert schaffen, Ertrag sichern oder das Unternehmen bewusst unterscheiden. Sie dürfen im ERP nicht zufällig verschwinden.

Zweitens: Welche Ausnahmen kosten nur Kraft? Das sind doppelte Erfassungen, manuelle Kontrollen, Nebenlisten und Sonderwege, die niemand mehr begründen kann. Sie sollten nicht digitalisiert werden.

Drittens: Wer darf künftig Nein sagen? Ein ERP-Projekt braucht jemanden, der Ausnahmen begrenzt. Sonst wird jedes berechtigte Einzelinteresse zur dauerhaften Sonderregel.

Diese Fragen sind unbequem. Aber sie sparen später viele Diskussionen. Denn ein ERP kann Regeln abbilden. Es kann sie nicht für Sie entscheiden.

Warum das für CEO, CFO und CTO gleich wichtig ist

Für den CEO geht es um die Arbeitsweise des Unternehmens. Zu viele stille Ausnahmen machen Führung abhängig von Einzelpersonen. Das ist riskant, selbst wenn der Alltag noch funktioniert.

Für den CFO geht es um Transparenz. Wenn Preise, Rabatte, Bestände, Projektaufwände oder offene Leistungen nicht nach klaren Regeln geführt werden, verlieren Zahlen an Aussagekraft. Dann wird Kontrolle nachträglich teuer.

Für den CTO geht es um Einfachheit. Jede Ausnahme, die im System fest eingebaut wird, muss später gepflegt, erklärt und getestet werden. Was heute wie Kundennähe wirkt, kann morgen zur technischen Last werden.

Auch die Forschung zu ERP-Projekten zeigt, dass Organisation und Führung entscheidend sind. Eine Untersuchung im International Journal of Project Management verbindet ERP-Erfolg nicht nur mit Projektmanagement, sondern mit der aktiven Steuerung des geschäftlichen Nutzens. Eine weitere Studie zu ERP-Erfolgsfaktoren in KMU betont, dass ERP-Einführungen nicht als reine IT-Projekte verstanden werden sollten und organisatorische Faktoren eine zentrale Rolle spielen.

Ein guter ERP-Partner erkennt Ausnahmen, bevor er sie baut

Ein guter Partner fragt nicht nur, was ein System können muss. Er fragt, warum ein Ablauf so ist. Das kann im ersten Moment bremsen. Es ist aber genau der Punkt, an dem ein Projekt besser wird.

Wenn jede Ausnahme ungeprüft übernommen wird, entsteht kein neues System. Dann entsteht eine digitale Kopie der alten Umwege. Das ist bequem, aber selten sinnvoll.

Gute Beratung unterscheidet deshalb zwischen Nähe zum Kunden und unnötiger Unordnung. Sie schützt, was das KMU stark macht. Und sie stellt infrage, was nur historisch gewachsen ist.

Wenn Sie ungeprüft übernehmenWenn Sie bewusst entscheiden
Das ERP bildet alte Sonderwege ab.Das ERP bildet klare Regeln ab.
Mitarbeitende arbeiten weiter wie bisher.Mitarbeitende verstehen, was sich ändert und warum.
Ausnahmen bleiben unsichtbar.Ausnahmen werden bewusst geführt.
Das Projekt wird kurzfristig einfacher.Der Betrieb wird langfristig einfacher.

Die Open-Access-Studie «Critical Success Factors for ERP Implementation» nennt unter anderem Unterstützung durch die Geschäftsleitung, Schulung der Nutzer und einen klaren Projektprozess als wichtige Erfolgsfaktoren. Das ist kein abstrakter Hinweis. Es bedeutet: Menschen müssen die neuen Regeln verstehen, und die Führung muss sie mittragen.

Fazit: Behalten Sie das Besondere, nicht das Zufällige

Ein ERP-Projekt sollte ein KMU nicht beliebig machen. Es soll nicht jede Eigenheit entfernen und nicht jede Kundenbeziehung in starre Regeln pressen. Aber es sollte sichtbar machen, welche Ausnahmen echten Wert schaffen und welche nur Aufwand verstecken.

Darum beginnt ein gutes ERP-Projekt nicht mit der Frage, was die Software alles kann. Es beginnt mit einer einfacheren, schwierigeren Frage: Welche stillen Ausnahmen führen wir künftig bewusst und welche beenden wir?

Wer diese Frage ehrlich beantwortet, bekommt mehr als ein neues System. Er bekommt ein Unternehmen, das seine Stärken kennt und seine Umwege nicht länger mit Stärke verwechselt.

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Autor Berater Cloud ERP bei redPoint AG

Matthias Notter

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