Der Tag, an dem ein neues ERP-System produktiv geht, wird oft wie ein Ziel behandelt. Aus meiner Sicht ist er eher ein Übergang. Das Unternehmen hat viel entschieden, bereinigt, getestet und eingeführt. Danach beginnt die längere Aufgabe: Das System muss über Jahre zuverlässig bleiben, mit dem Geschäft mitgehen und sicher betrieben werden.

Diese Phase bekommt oft zu wenig Aufmerksamkeit. Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern weil der Alltag zurückkommt. Rechnungen müssen raus, Kunden brauchen Antworten, Projekte laufen weiter. Wenn das System funktioniert, wirkt es erledigt. Genau dann entstehen Risiken, die man erst spät bemerkt: veraltete Versionen, unklare Zuständigkeiten, ablaufende Lizenzen, Anpassungen ohne Pflegeplan oder Schnittstellen, die niemand mehr wirklich kennt.

Für die Geschäftsleitung ist deshalb eine einfache Frage wichtig: Wer sorgt dafür, dass unser ERP auch in drei, fünf oder acht Jahren noch tragfähig ist?

Der Betrieb ist kein technisches Detail

Ein ERP-System ist ein Teil der Unternehmensführung. Es trägt Aufträge, Einkauf, Lager, Projekte, Finanzen und Auswertungen. Wenn es altert, betrifft das nicht nur die IT. Es betrifft Risiko, Kosten, Arbeitsfähigkeit und Entscheidungsqualität.

Microsoft zeigt beim Beispiel Dynamics 365 Business Central on-premises, dass Versionen klar definierte Laufzeiten haben. So endet die angegebene Laufzeit für Version 26.x am 13. Oktober 2026, für Version 27.x am 6. April 2027 und für Version 28.x am 13. Oktober 2027. Solche Daten sind keine Nebensache. Sie machen sichtbar, dass Softwarepflege planbar sein muss.

Wenn Pflege ungeplant bleibt, entstehen die Probleme selten sofort. Werden Versionen zu lange stehen gelassen, werden spätere Updates grösser und teurer; Budget und Zeitbedarf lassen sich schlechter steuern. Sind Zuständigkeiten unklar, bleiben Fragen liegen oder werden ad hoc gelöst; Risiken hängen dann an einzelnen Personen. Werden Anpassungen nicht dokumentiert, sind Änderungen später schwer nachvollziehbar; Abhängigkeiten wachsen still. Werden Schnittstellen kaum überprüft, zeigen sich Fehler erst im Betrieb; Störungen treffen dann oft mehrere Bereiche gleichzeitig. Und wenn Lizenzen und Nutzung selten geprüft werden, passen Kosten und Wartung irgendwann nicht mehr zum tatsächlichen Bedarf.

Ein laufendes ERP braucht also nicht dauernd ein grosses Projekt. Es braucht regelmässige Aufmerksamkeit.

Sicherheit ist auch eine Führungsfrage

Viele Risiken entstehen nicht, weil Unternehmen fahrlässig handeln. Sie entstehen, weil niemand den Auftrag hat, sie rechtzeitig zu prüfen. Das gilt besonders für ältere Systeme, nicht gepflegte Geräte und Anwendungen ohne aktuelle Unterstützung.

Das britische National Cyber Security Centre hält fest, dass veraltete Software Sicherheitsrisiken schafft, weil Updates bekannte Schwachstellen schliessen. Es empfiehlt zudem, nicht mehr unterstützte Geräte, Betriebssysteme und Anwendungen so bald wie möglich zu ersetzen. Für ein KMU heisst das nicht, jedes Jahr alles neu zu machen. Es heisst: Der Zustand der geschäftskritischen Systeme muss bekannt sein.

Auch das Schweizer Bundesamt für Cybersicherheit beschreibt Sicherheit nicht nur als technische Aufgabe. Technische Massnahmen sollen durch organisatorische Massnahmen ergänzt werden. Zudem liegt es bei der Geschäftsleitung, Restrisiken zu tragen oder zusätzliche Ressourcen zur Reduktion bereitzustellen. Das ist ein wichtiger Punkt. Ein Restrisiko kann man nur bewusst akzeptieren, wenn man es kennt.

Was nach dem Start geprüft werden sollte

Ich halte wenig von Checklisten, die jedes Unternehmen gleich behandeln. Ein Handelsbetrieb, ein Produktionsunternehmen und ein Dienstleister haben unterschiedliche Abläufe. Trotzdem gibt es wenige Fragen, die jede Geschäftsleitung stellen sollte.

Welche ERP-Version nutzen wir, und bis wann wird sie unterstützt? Ohne diese Sicht werden Updates zu Überraschungen. Welche Anpassungen sind geschäftskritisch? Nicht jede Anpassung ist gleich wichtig; einige tragen Kernprozesse. Welche Schnittstellen sind für den Betrieb unverzichtbar? Ein einzelner Ausfall kann mehrere Abläufe treffen. Wer entscheidet über Änderungen am System? Ohne klare Verantwortung entstehen Nebenlösungen. Wann wurde zuletzt geprüft, ob Nutzung, Lizenzen und Prozesse noch zusammenpassen? Unternehmen verändern sich; Systeme müssen folgen.

Das KMU-Portal des Bundes empfiehlt unter anderem, mindestens einmal pro Jahr ein Inventar von Hardware, Software und schützenswerten Daten zu erstellen. Es weist auch darauf hin, dass gültige Nutzungslizenzen aus rechtlicher und Wartungssicht wichtig sind und dass Back-ups zentral sind, um den Betrieb wieder aufzunehmen. Diese Punkte wirken einfach. Genau deshalb werden sie im Alltag gerne unterschätzt.

Die gefährlichste Annahme: Es läuft ja

Wenn ein System jeden Morgen startet, ist das beruhigend. Es sagt aber noch wenig darüber aus, ob es gut geführt wird. Ein ERP kann funktionieren und trotzdem zu alt, zu teuer, zu abhängig oder zu wenig verstanden sein.

Die gefährlichste Annahme lautet deshalb: Es läuft ja. Dieser Satz beendet zu viele Gespräche zu früh. Besser wäre: Es läuft, aber wissen wir auch, worauf es ankommt?

Wenn niemand ein Problem meldet, ist das kein Beweis, dass keine Risiken bestehen. Manche Risiken sieht man nur, wenn man aktiv prüft. Wenn Updates verschoben wurden, sollte die Frage nicht lauten, ob es heute noch geht, sondern was passiert, wenn nochmals ein Jahr gewartet wird. Wenn eine einzelne Person die Anpassungen kennt, ist nicht nur Wissen vorhanden, sondern auch eine Abhängigkeit. Wenn Back-ups eingerichtet sind, ist entscheidend, wann die Wiederherstellung zuletzt getestet wurde. Und wenn die Lizenzrechnung jedes Jahr kommt, sollte geprüft werden, ob die Nutzung noch zum Geschäft passt.

In meiner Arbeit mit Bestandskunden zeigt sich oft: Gute Betreuung nach dem Start ist weniger spektakulär als eine Einführung, aber mindestens so wertvoll. Sie verhindert, dass kleine Versäumnisse zu grossen Vorhaben werden.

Stefan Marti, Leiter Bestandskunden

Planung schützt vor Aktionismus

ERP-Pflege bedeutet nicht, jedes neue Release sofort einzuspielen. Es bedeutet auch nicht, jede Anpassung zu hinterfragen. Entscheidend ist ein ruhiger Rhythmus: prüfen, bewerten, priorisieren und rechtzeitig handeln.

Für eine Geschäftsleitung reichen dafür wenige feste Termine im Jahr. Dort sollte nicht über jedes Detail gesprochen werden. Wichtig ist die Sicht auf die kommenden Entscheidungen: Welche Versionen laufen aus? Welche Anpassungen müssen vor dem nächsten Update geprüft werden? Welche Risiken wurden bewusst akzeptiert? Welche Abhängigkeiten sind zu gross geworden?

So wird aus Systempflege keine Last, sondern ein Teil guter Unternehmensführung. Man wartet nicht, bis Druck entsteht. Man entscheidet vorher.

Fazit: Ein gutes ERP braucht Betreuung, nicht nur Einführung

Ein ERP-System ist nicht fertig, nur weil es läuft. Es bleibt ein lebender Teil des Unternehmens. Es altert, wird angepasst, verbindet neue Anwendungen und trägt immer wieder andere Anforderungen.

Wer das ernst nimmt, schützt nicht nur die IT. Er schützt Arbeitsfähigkeit, Planbarkeit und Vertrauen in die eigenen Abläufe. Die Geschäftsleitung muss dafür nicht jedes technische Detail kennen. Sie muss aber wissen, wer Verantwortung trägt, welche Risiken bestehen und wann Entscheidungen fällig werden.

Nach dem Start beginnt die längere Aufgabe. Sie ist weniger sichtbar als ein Projektplan. Aber sie entscheidet oft darüber, ob ein ERP über Jahre Nutzen bringt oder schleichend zur Belastung wird.

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Portrait Stefan Marti
Autor Leiter Bestandeskunden und Mitglied der GL bei redPoint AG

Stefan Marti

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