
Schweizer KMU sind oft pragmatisch organisiert. Genau das ist eine ihrer grossen Stärken. Prozesse werden so aufgebaut, dass sie im Alltag funktionieren. Excel-Listen entstehen dort, wo Flexibilität gebraucht wird. Einzelne Tools schliessen Lücken, die das bestehende System nicht abdeckt. Zusätzliche Auswertungen helfen, operative Fragen schnell zu beantworten. Lange Zeit ist das sinnvoll. Und oft ist es sogar ein Teil des unternehmerischen Erfolgs.
Kritisch wird es erst dann, wenn aus pragmatischen Hilfsmitteln eine betriebliche Dauerstruktur wird. Genau dort beginnt das eigentliche Thema: Nicht Excel an sich ist das Problem, sondern die fehlende Durchgängigkeit dahinter.
Diese Frage ist für viele Unternehmen relevanter, als sie auf den ersten Blick wirkt. Denn die meisten KMU scheitern nicht daran, dass zu wenig gearbeitet wird oder zu wenig Markt vorhanden ist. Sie geraten unter Druck, weil ihre Abläufe mit wachsender Komplexität nicht mehr sauber zusammenpassen. Informationen werden mehrfach erfasst, Zahlen manuell abgeglichen, Status in verschiedenen Dateien nachgeführt und Entscheidungen auf Basis von Teilbildern getroffen.
Die Ausgangslage ist in vielen Unternehmen ähnlich. Das Geschäft wächst, die Anforderungen steigen, neue Kunden, Produkte, Projekte oder Standorte kommen hinzu. Gleichzeitig bleiben Prozesse oft historisch gewachsen. Was früher schnell und unbürokratisch war, wird mit zunehmender Komplexität zum Bremsfaktor.
Genau darin liegt ein zentrales Spannungsfeld im Schweizer KMU-Markt. Die Unternehmen sind oft marktnah, qualitätsorientiert und anpassungsfähig. Gleichzeitig fehlt im Innern vieler Organisationen die digitale und prozessuale Durchgängigkeit, die für die nächste Entwicklungsstufe nötig wäre. Informationen liegen in mehreren Systemen, Excel-Dateien oder in den Köpfen einzelner Mitarbeitender. Reportings werden manuell zusammengezogen. Zuständigkeiten sind nicht immer sauber systemisch abgebildet. Und wichtige Zusammenhänge zwischen Verkauf, Einkauf, Lager, Projekten und Finanzen bleiben nur begrenzt sichtbar.
Damit wird aus einem technischen Detail ein betriebswirtschaftliches Thema. Denn fehlende Durchgängigkeit kostet nicht nur Zeit. Sie reduziert Transparenz, erhöht Fehlerrisiken, bindet Schlüsselpersonen und erschwert Führung.
Excel ist in KMU nicht per se ein Zeichen von Rückstand. Im Gegenteil: Oft zeigt es, dass Unternehmen flexibel, lösungsorientiert und nah am operativen Geschäft arbeiten. Problematisch wird Excel dort, wo es beginnt, Systemlücken dauerhaft zu ersetzen.
Dann entstehen typische Reibungen. Verkaufsdaten werden exportiert und separat bearbeitet. Einkaufsinformationen werden manuell ergänzt. Lagerbestände werden in Nebendateien korrigiert. Projektstände werden ausserhalb des Kernsystems geführt. Finanzzahlen müssen für Auswertungen erst konsolidiert werden. Und sobald mehrere Personen beteiligt sind, wächst der Abstimmungsaufwand fast automatisch mit.
| Typische Situation | Was im Alltag passiert | Geschäftliche Folge |
| Mehrere Excel-Dateien pro Kernprozess | Teams arbeiten mit eigenen Listen und Versionen. | Es entstehen Doppelspurigkeiten, Unsicherheit und zusätzlicher Abstimmungsaufwand. |
| Daten müssen manuell übertragen werden | Informationen werden zwischen Systemen kopiert oder nacherfasst. | Fehlerquoten steigen, Prozesse werden langsamer und anfälliger. |
| Auswertungen entstehen ausserhalb des operativen Ablaufs | Zahlen werden periodisch gesammelt und zusammengeführt. | Entscheidungen erfolgen verspätet und oft rückblickend statt vorausschauend. |
| Wissen liegt bei Einzelpersonen | Bestimmte Dateien, Logiken oder Zwischenschritte sind nur wenigen bekannt. | Abhängigkeiten steigen und die Organisation wird schwerer skalierbar. |
| Bereiche steuern mit Teilbildern | Verkauf, Projekte, Lager und Finanzen sehen unterschiedliche Realitäten. | Prioritäten kollidieren, Engpässe werden spät erkannt und Führung wird schwieriger. |
Viele Unternehmen spüren den Kipppunkt nicht auf einen Schlag, sondern schleichend. Erst häufen sich Rückfragen. Dann dauern Auswertungen länger als früher. Danach wird sichtbar, dass unterschiedliche Teams mit unterschiedlichen Zahlen arbeiten. Später wird klar, dass Prozesse stark an Einzelpersonen hängen. Und irgendwann stellt sich die Frage, warum trotz hoher Einsatzbereitschaft so viel Energie in Koordination statt in Wertschöpfung fliesst.
Typische Warnsignale sind schnell erkennbar. Wenn Reports nur mit erheblichem manuellem Aufwand entstehen, wenn Auftragsstände nachtelefoniert werden müssen, wenn Bestände nicht eindeutig sind oder wenn Projekt- und Finanzsicht voneinander getrennt laufen, fehlt meist nicht Fleiss, sondern strukturelle Durchgängigkeit. Genau dann wird Excel vom Hilfsmittel zum Symptom.
Durchgängigkeit bedeutet, dass Informationen, Prozesse und Verantwortlichkeiten entlang des realen Geschäftsablaufs zusammenhängen. Ein Auftrag löst dann nicht nur eine einzelne Aktion aus, sondern eine nachvollziehbare Kette von Folgeprozessen. Verkauf, Einkauf, Lager, Leistungserfassung, Fakturierung und Finanzsicht greifen ineinander, statt separat gepflegt zu werden.
Der Unterschied ist erheblich. Wenn Prozesse durchgängig organisiert sind, sinkt nicht nur der manuelle Aufwand. Auch Führung wird besser. Statusinformationen werden schneller verfügbar, Abweichungen früher sichtbar und Entscheidungen robuster. Teams müssen weniger koordinieren und können stärker auf die eigentliche Leistung fokussieren.
Gerade unter Bedingungen von Fachkräftemangel, Margendruck und wachsender Komplexität ist das entscheidend. Denn Unternehmen gewinnen heute nicht nur durch mehr Markt, sondern durch eine bessere Fähigkeit, ihr Tagesgeschäft zuverlässig und skalierbar zu steuern.
Für Schweizer KMU ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob Excel vollständig verschwinden muss. Die wichtigere Frage lautet, an welchen Stellen improvisierte Zwischenlösungen heute bereits operative Steuerung ersetzen. Dort, wo Daten mehrfach gepflegt, Abläufe unterbrochen oder Verantwortlichkeiten nicht systemisch abgebildet sind, entstehen die eigentlichen Wachstumsrisiken.
Wer diese Brüche reduziert, gewinnt mehr als Effizienz. Es entsteht mehr Klarheit über Aufträge, Bestände, Projekte, Margen und Ressourcen. Entscheidungen werden schneller, Teams werden entlastet und die Organisation wird weniger abhängig von individuellen Workarounds. Genau darin liegt der Wert von Durchgängigkeit.
Viele Schweizer KMU arbeiten nicht deshalb mit Excel, weil sie zu wenig professionell wären, sondern weil sie über Jahre pragmatisch gewachsen sind. Doch mit zunehmender Komplexität reicht Pragmatismus allein nicht mehr aus. Dann braucht es keine zusätzliche Datei, sondern einen saubereren betrieblichen Zusammenhang.
Von Excel zu Durchgängigkeit ist deshalb kein technischer Selbstzweck. Es ist der Schritt von historisch gewachsenen Einzelabläufen zu einer steuerbaren Organisation. Und für viele KMU ist genau das der nächste notwendige Reifeschritt.

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